Geschichte und Entwicklung Tansanias

Ostafrika gilt als die „Wiege der Menschheit“ und bedeutende Spuren der Menschwerdung wurden an mehreren Orten im Grabenbruchsystem Nordtansanias gefunden. Vermutlich war das heutige Staatsgebiet weithin von Jäger- und Sammlergesellschaften bewohnt. Vor etwa 8000 Jahren beginnende und sich über Jahrtausende entwickelnde Prozesse der Zuwanderung brachten neue kulturelle Einflüsse und landwirtschaftliche Techniken, mit Auswirkungen auf sich wandelnde gesellschaftliche und politische Organisationsformen.

Die Küste war schon seit vorchristlicher Zeit Teil eines ausgedehnten Handelsnetzes mit Verbindung zum Mittelmeer, aber auch bis nach Südostasien und China. Etwa seit dem 8. Jh. stand der Handel mit dem Persischen Golf im Mittelpunkt, der durch die regelmäßigen Monsunwinde ermöglicht wurde. Mit den Handelsbeziehungen kamen neue kulturelle Einflüsse, insbesondere Religion und Sprache. Einwanderer aus Persien (Shirazi) und Arabien ließen sich an der Küste nieder und vermischten sich oft mit der einheimischen Bevölkerung: es entstanden die Swahili-Kultur und wohlhabende, kosmopolitische Stadtstaaten infolge des Handels mit Elfenbein, Gold und Holz. Die Swahili-Kultur erreichte ihre Blütezeit zwischen 1200 und 1500, bis portugiesische Seefahrer die Städte und den Handel gewaltsam unter ihre Kontrolle brachten. 200 Jahre später verloren die Portugiesen wieder die Kontrolle, nachdem sie vom Sultanat Oman militärisch besiegt wurden, dessen Hilfe von den Städten erbeten worden war. Doch erst zu Beginn des 19. Jh. konnten die Omani ihre Herrschaft über die Küste sichern und ausbauen. Der zunehmende Handel v.a. mit Elfenbein und Sklaven erwies sich als so lukrativ, dass der omanische Sultan Sayyid Said 1837/40 seinen Herrschaftssitz von Muskat nach Sansibar verlegte. Von Sansibar ausgerüstete Karawanen zogen bis ins heutige Uganda, Sambia, Malawi und ins Gebiet westlich des Tanganyika-Sees, um Handel zu treiben. Besonders der äußerst profitable Sklavenhandel hatte verheerende Auswirkungen auf die von den Sklavenjagden betroffenen Gesellschaften. Im Binnenland führten die Handelsaktivitäten bei mehreren Gesellschaften zur Verstärkung von Zentralisierungsprozessen; es entstanden Königreiche und andere Formen von zentralisierter politischer Organisation. Das schrittweise Verbot des Sklavenhandels bis 1873 traf die Grundlage des sansibarischen Handelsimperiums hart und ermöglichte Großbritannien, die wirtschaftliche und politische Kontrolle über das Sultanat zu erlangen.

Ab Mitte der 1880er Jahre begann der später als „Bluthand“ gefürchtete deutsche Kolonialabenteurer Carl Peters mit seiner Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft mittels zumeist betrügerischer Verträge Kontrolle über das Land einheimischer Fürsten zu erlangen, die sich schon ab 1888/90 in Aufständen gegen Peters’ Vorgehensweise zur Wehr setzten. Die Aufstände wurden vom Deutschen Reich gewaltsam niedergeschlagen und ab 1891 beanspruchte das Reich die Kolonie Deutsch-Ostafrika als Besitz. Das Sultanat Sansibar wurde 1890 offiziell britisches Protektorat, nachdem das Deutsche Reich und Großbritannien eine Einigung über ihre jeweiligen Besitzansprüche in Ostafrika erzielt hatten. Die mit militärischen Mitteln betriebene Aneignung der Kolonie stieß auf erbitterten Widerstand. Zahlreiche Aufstände in verschiedenen Landesteilen wurden brutal niedergeschlagen. Im Maji Maji Krieg (1905-1907/8) erhoben sich die Menschen fast im gesamten südlichen Drittel der Kolonie. Die brutale Kriegsführung und die Politik der verbrannten Erde führten zu einer dramatischen Dezimierung der Bevölkerung. Ähnlich katastrophale Folgen für die einheimische Bevölkerung hatten die Kämpfe des 1. Weltkriegs und die Guerilla-Taktik des deutschen Generals von Lettow-Vorbeck, bei der gezielt die Lebensgrundlage der unbeteiligten Bevölkerung zerstört wurde, um dem Kriegsgegner Großbritannien die Nachschubwege abzuschneiden.

Nach dem Krieg bekam Großbritannien das nunmehr Tanganyika genannte Territorium als Mandatsgebiet des Völkerbundes übertragen. Anders als die deutsche Kolonialmacht, die in die technische und wirtschaftliche Infrastruktur investiert hatte, engagierte sich die Mandatsmacht nur kaum – auch bedingt durch die Unklarheit über die weitere politische Entwicklung. Allerdings setzten auch die Briten auf wirtschaftliche Ausbeutung der Reichtümer des Landes und eine Ausrichtung der Produktion an europäischen Bedürfnissen. Anders als die militärisch und direkt verwaltete deutsche Kolonie setzten die Briten auf das 1925 eingeführte System der indirekten Herrschaft, das jedoch bei der Bevölkerung wenig Anklang fand, weil es oft Personen an die Macht hievte, die traditionell nicht als legitim anerkannt waren.

 

In dieser Zeit entstanden in mehreren Gebieten erste Genossenschaften und politische Vereinigungen, die zu Keimzellen der Unabhängigkeitsbewegung wurden. Unter dem charismatischen Lehrer Julius K. Nyerere wurde ab Mitte der 1950er Jahre die Tanganyika African National Union (TANU) zur landesweit agierenden Unabhängigkeitsorganisation/ Partei ausgebaut. Am 9.12.1961 erlangte Tanganyika mit Nyerere als erstem Präsidenten auf friedlichem Wege die Unabhängigkeit von der britischen Kolonialmacht. Sansibar folgte zwei Jahre später, allerdings unter deutlich anderen Voraussetzungen. Massive Spannungen zwischen den rivalisierenden Parteien ASP (Afro-Shirazi Party) und ZNP (Zanzibar National Party) resultierten aus gegensätzlichen Zielen und Interessen ihrer jeweiligen Trägergruppen und entluden sich in den frühen 1960er Jahren immer wieder in gewaltsamen Unruhen. Auch nach der Unabhängigkeit (10.12.1963) konnte die in der ZNP organisierte meist arabisch-stämmige Großgrundbesitzer-Schicht ihren Herrschaftsanspruch zunächst aufrecht erhalten. Dagegen meuterte eine kleine Gruppe ehemaliger Polizisten, denen es am 12.1.1964 gelang, die Regierung zu stürzen und den Sultan ins Exil zu vertreiben. Daraufhin entlud sich der aufgestaute Hass auf die arabische Herrscherschicht in blutigen Massakern, bei denen zwischen 5.000 und 15.000 Araber umgebracht wurden. Die von der 'sansibarischen Revolution' überraschte ASP bildete einen Revolutionsrat unter dem ASP- Vorsitzenden Abeid Karume und rief einen sozialistischen Staat aus. Am 26.4.1964 schlossen Karume und Nyerere einen Vertrag über eine politische Union beider Staaten und die Bildung der ’Vereinigten Republik von Tansania’. Sansibar behielt einen halb-autonomen Status mit einer eigenen, für interne Angelegenheiten zuständigen Regierung, während die neue Unionsregierung und das Unionsparlament für die Angelegenheiten des Gesamtstaates sowie für die des Festlandteils zuständig wurden.

Nach beginnender Opposition gegen die TANU und einer Armeemeuterei wenige Tage nach dem Umsturz in Sansibar begann auf dem Festland der Umbau zum Einparteistaat, der u.a. auch die starken Gewerkschaften als Massenorganisationen unter seine Kontrolle brachte. Allerdings gewährte auch der Einparteistaat gewisse demokratische Rechte; so bestand bei alle fünf Jahre stattfindenden Wahlen die Möglichkeit, zwischen mehreren Kandidaten der Regierungspartei zu wählen. Am 5.2.1967 wurde die wegweisende Arusha-Deklaration verkündet, die einen eigenen Weg zum Sozialismus beschrieb, der eine auf eigene Anstrengung (statt externe Hilfe) durch gemeinschaftliche Zusammenarbeit beruhende Entwicklung zu einer klassenlosen Gesellschaft ermöglichen sollte. Dazu sollte der Schwerpunkt auf der Förderung der Landwirtschaft liegen, und die Bevölkerung sollte in genossenschaftlich organisierte zentrale Dörfer umziehen. Gleichzeitig wurden die wenigen vorhandenen Industrien und Banken verstaatlicht und es wurde massiv in das Bildungs- und Gesundheitswesen investiert. Diese unter dem Swahili-Begriff ’Ujamaa’ (etwa erweiterter Familienverband) bekannt gewordene Politik galt in den 1970er Jahren als erfolgversprechendes Entwicklungsmodell für die jungen Staaten Afrikas und fand zahlreiche Unterstützer und Nachahmer. In Tansania selbst wurden jedoch die Unzulänglichkeiten des Modells schnell offensichtlich. Gegen Widerstand der Bevölkerung durchgeführte Zwangsumsiedlungen in Ujamaa-Dörfer, ausufernde Bürokratie, sich verschlechternde ’terms of trade’, die globalen Ölkrisen, der Zusammenbruch der Ostafrikanischen Gemeinschaft (1977), die hohen Kosten des Uganda-Kriegs (1978/79) und anhaltende Dürreperioden führten Tansania in der ersten Hälfte der 1980er Jahre in eine tiefe Krise mit katastrophalen Versorgungsproblemen für die Bevölkerung. Angesichts der unumgänglich notwendig gewordenen wirtschaftspolitischen Veränderungen stellte sich Präsident Nyerere 1985 nicht mehr für eine Wiederwahl zur Verfügung und wurde damit einer der ersten afrikanischen Staatschefs, der freiwillig auf die Macht verzichtete.

Sein Nachfolger, der sansibarische Präsident Ali Hassan Mwinyi, leitete einen langsamen Reformprozess und den Übergang zur Marktwirtschaft ein. Mit der Sansibar-Erklärung (1991) vollzog Tansania offiziell den Abschied von der Ujamaa-Politik und die Abkehr vom Sozialismus.

 

In Sansibar hatte sich das Regime Karumes nach anfänglichen Reformen zusehends in einen despotischen Polizeistaat gewandelt, was auch das Verhältnis zum Festland erschwerte. 1972 wurde Karume ermordet; sein Nachfolger Aboud Jumbe leitete eine Öffnung des Regimes ein, das erstmals auch Einparteiwahlen wie auf dem Festland vorsah. Allerdings wuchs in Sansibar die Unzufriedenheit über die Verbindung mit dem als zu dominant empfundenen Festland, und Rufe nach einer Auflösung der Union wurden stärker. Zudem wurde die Kritik aus Pemba immer deutlicher, die die Marginalisierung dieser Insel durch die sansibarische Politik beklagte. Ein Versuch zur Überwindung dieser Spannungen war die 1977 erfolgte Vereinigung der TANU mit der sansibarischen ASP zur neuen tansanischen Staatspartei CCM (Chama cha Mapinduzi – Partei der Revolution). Allerdings behielt der sansibarische Flügel weiterhin eine gewisse Sonderrolle und Teil-Autonomie. Anfang der 1990er Jahre wurden auch in Tansania, wie überall in Afrika, Forderungen nach der Wiedereinführung eines Mehrparteiensystems laut, wenn auch wesentlich weniger stark von der Zivilgesellschaft getragen als anderswo, da die erwiesene politische Stabilität und die Bemühungen der CCM-Politik um sozialen Ausgleich nicht allzu viel Anlass zu einem Drang nach grundlegenden Veränderungen gegeben hatten. 1991 unternahm eine von der Regierung eingesetzte Kommission eine breit angelegte Befragung der Bevölkerung darüber, welche Änderungen des politischen Systems von den Menschen gewünscht wurden. Auf der Grundlage dieser Befragung empfahl die Kommission die Wiedereinführung eines Mehrparteiensystems, deren Umsetzung 1992 mit einer Verfassungsänderung und der Zulassung von Parteien begonnen wurde. Diese 'Demokratisierung von oben' verlief auf dem Festland nahezu konfliktfrei, während in Sansibar die alten Spannungen erneut sichtbar wurden. In einem für Tansania typischen, eher langsamen und kontrollierten Prozess dauerte es noch bis 1995, bis die ersten Mehrparteienwahlen durchgeführt wurden, die somit eine Zäsur für die politische Entwicklung darstellten.

 

Hofmeier, Rolf/ Hirschler, Kurt: Tansania, In: Gieler, Wolfgang (Hg.) (2010) 'Afrika-Lexikon. Geographie, Geschichte, Kultur, Politik und Wirtschaft' (Frankfurt/Main, Peter Lang Verlag), S.455-473