Bevölkerungsstruktur

 

Etwas über 40 Mio. Menschen leben (2009) in Tansania, davon etwas mehr als eine Million im Landesteil Sansibar. Etwa 45% der Bevölkerung sind unter 14 Jahre alt, nur etwa 5% sind 60 Jahre und älter. Die regionale Bevölkerungsverteilung ist sehr ungleichmäßig. Etwa ein Viertel der Bevölkerung lebt in Städten, wobei Dar es Salaam mit 3-4 Mio. Einwohnern die mit Abstand größte Stadt ist. Die Hafenstadt ist das ökonomische und kulturelle Zentrum des Landes und war bis 1973 Hauptstadt, bevor diese offiziell (aber noch immer keineswegs faktisch) in das im Zentrum gelegene Dodoma (ca. 1,5 Mio. Einwohner) verlegt wurde. Das städtische Wachstum ist mit 4-5% deutlich höher als das allgemeine Bevölkerungswachstum von etwa 2,5%. Die wichtigsten weiteren Städte sind Mwanza, Tanga, Arusha, Mbeya und Zanzibar. Insbesondere die fruchtbaren und höher gelegenen Bergregionen im Norden sowie die Regionen um den Victoria-See und das Nordufer des Nyasa-Sees weisen sehr hohe Bevölkerungskonzentrationen auf. Auch die sansibarischen Inseln und die nördliche Küstenregion um Tanga und im Ballungsraum Dar es Salaam gehören zu den dicht besiedelten Regionen. Das zentrale Hochplateau im Landesinneren ist hingegen nur äußerst dünn besiedelt, da nur für extensive Land- und Viehwirtschaft geeignet.

Kiswahili ist die Nationalsprache Tansanias. Diese Bantusprache (mit vielen integrierten Fremdelementen) dient als ’lingua franca’ und wird – zumeist als Zweitsprache – von fast allen Tansaniern gesprochen. Diese in Afrika selten gegebene Existenz einer gemeinsamen Sprache trägt wesentlich zur nationalen Zusammengehörigkeit bei. Englisch fungiert als moderne Wirtschafts- und Bildungssprache.

In Tansania gibt es 120 bis 130 unterschiedliche Sprachgruppen/Ethnien aus allen vier afrikanischen Sprachfamilien. Die Selbst- und Fremdzuordnung zu einer ethnischen Gruppe spielt eine weitaus geringere Rolle im Leben der Menschen als in vielen anderen afrikanischen Staaten. Zudem wird eine Politisierung dieser Ressource bewusst weitestgehend vermieden. So sind gewaltsame Konflikte zwischen verschiedenen Gruppen ausgesprochen selten und das Verhältnis ist überwiegend harmonisch und kooperativ geprägt. Tansania gilt damit als ein (seltenes) Musterbeispiel für gelungenes nation-building in Afrika. Wo gewaltsame Konflikte auftreten, handelt es sich meistens um Auseinandersetzungen um Landnutzung zwischen Pastoralisten und Bauern. Schätzungen zufolge stellen die südlich des Victoria-Sees beheimateten Sukuma mit über 5 Mio. Menschen (ca. 13% der Gesamtbevölkerung) die mit Abstand größte Sprachgruppe. Auch wenn, u.a. aufgrund von seit der Missions- und Kolonialzeit bestehenden Ungleichheiten, einige Gruppen wie Chagga und Haya über bessere Bildungschancen verfügen und daher häufiger in wirtschaftlichen und politischen Führungspositionen zu finden sind, gibt es keine signifikanten und politisch instrumentalisierten Zusammenhänge zwischen Gruppenzugehörigkeit und Staat.

Eine bedeutende Minderheit stellen die sog. Asiaten dar: Menschen, deren Wurzeln in Indien oder Pakistan liegen, die überwiegend seit etlichen Generationen in Tansania leben und größtenteils die tansanische Staatsangehörigkeit besitzen. Die meisten der vom indischen Subkontinent Zugewanderten sind im Groß- und Einzelhandel und neuerdings in der Industrie tätig und bildeten lange Zeit die Mittel- und Oberschicht des Landes. Während sie weitgehend eigenständige Gemeinschaften bilden und sich wenig mit der afrikanischen Bevölkerung mischen, entstand durch die Vermischung arabischer Einwanderer mit der lokalen Bevölkerung entlang der Küste und in Sansibar die bekannte Swahili-Kultur. Bis heute findet ein starker Austausch zwischen der arabischen Welt und den tansanischen Küstenregionen statt. Die westlichen Ausländergruppen beschränken sich weitgehend auf Personen, die vorübergehend aus beruflichen Gründen in Tansania leben; eine größere Gruppe von Nachfahren europäischer Siedler gibt es heute nicht mehr.

Aufgrund des Fehlens zuverlässiger Daten variieren die Annahmen über Religionszugehörigkeiten. Annahmen über den Anteil der christlichen Konfessionen variieren zwischen ein und zwei Dritteln der Bevölkerung, der der Muslime wird auf etwa ein Drittel geschätzt. Zudem spielen traditionelle afrikanische Glaubenssysteme eine wichtige Rolle, die teilweise synkretistisch gemeinsam mit christlichen oder muslimischen Glaubenselementen praktiziert werden. Die Küste ist stark islamisch geprägt; Sansibars Bevölkerung ist zu über 95% muslimisch. Weit mehr als die Zugehörigkeit zu Sprachgemeinschaften spielt die Verbundenheit mit der Religionsgemeinschaft eine wichtige Rolle. Abgesehen von einzelnen Spannungen zwischen Muslimen und Christen Mitte der 1990er und zu Beginn der 2000er Jahre, gilt das Verhältnis zwischen den Religionsgemeinschaften als weitgehend entspannt. Allerdings ist in jüngster Zeit auf Seiten der Christen wie der Muslime ein Anwachsen fundamentalistischer Strömungen deutlich erkennbar.

Während Tansania zur Zeit der Unabhängigkeit noch eine relativ homogene Sozialstruktur aufwies (überwiegend Subsistenzbauern), hat sich dies spätestens seit der wirtschaftlichen Liberalisierung stark ausdifferenziert. Insbesondere seit den 1990er Jahren ist die Schere zwischen Arm und Reich v.a. in den urbanen Zentren deutlich auseinander gegangen und es ist eine relativ wohlhabende Mittelschicht entstanden. Dies hat aber (noch) keineswegs zwangsläufig zu einer Auflösung der überlieferten Sozialstrukturen geführt. Diese werden durchaus auch von den städtischen Mittelschichten gepflegt, obgleich allmähliche Veränderungen der Familienstrukturen in den großen Städten nicht zu übersehen sind. Weit stärker werden die Sozialstrukturen aber durch die Verbreitung von HIV/AIDS (etwa 6% gelten als infiziert) herausgefordert. Die sozio-ökonomische Differenzierung führte auch zu einem Anwachsen der Kriminalität, die dennoch nach wie vor eher geringe Ausmaße hat.

 

Hofmeier, Rolf/ Hirschler, Kurt: Tansania, In: Gieler, Wolfgang (Hg.) (2010) 'Afrika-Lexikon. Geographie, Geschichte, Kultur, Politik und Wirtschaft' (Frankfurt/Main, Peter Lang Verlag), S.455-473