Wirtschaft und Wirtschaftspolitik Tansanias

Trotz keineswegs schlechter Ressourcenausstattung, Durchführung vielerwirtschaftspolitischer Reformen seit Ende der 1980er Jahre und vergleichsweise hohenWachstumsraten im letzten Jahrzehnt ist Tansania immer noch eines der ärmsten Länderder Welt mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von $ 400 im Jahr 2007 (bzw.entsprechend der Kaufkraftparität von $ 1208). Das gesamte BIP des Landes belief sich 2007 lediglich auf $ 16,2 Mrd. Der Anteil der unter der nationalen Armutsgrenze lebenden Bevölkerung liegt weiterhin bei rund einem Drittel und hat auch im letzten Jahrzehnt nurunwesentlich abgenommen. Sogar nahezu 90% der Menschen leben unterhalb der international geltenden Armutsgrenze von $ 1,25 pro Tag. Immerhin ist die Einkommensverteilung mit einem Gini-Index von 34,6 relativ ausgeglichen und nicht von einer extrem hohen Kluft zwischen Arm und Reich gekennzeichnet.


Im Human Development Index (HDI) von UNDP, der einen gemischten Wert des generellen Entwicklungsstandes zum Ausdruck bringt, hat sich Tansania im Verlauf von zwei Jahrzehnten zwar langsam, aber kontinuierlich verbessern können. Beim letzten HDI (basierend auf Zahlen von 2007) nahm Tansania Rang 151 unter 182 aufgeführten Ländern ein und lag damit am unteren Ende der Länderkategorie mit mittlerem Entwicklungsniveau.
Der tansanische HDI-Wert liegt traditionell um einiges höher als es dem niedrigen nominalen Pro-Kopf-Einkommen entspricht und bringt ein etwas überdurchschnittliches Niveau zentraler
Entwicklungsindikatoren gegenüber dem absoluten Einkommenswert zum Ausdruck. Die durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt betrug 55 Jahre, die Alphabetisierungsrate (über 15 Jahren) lag bei 72% und die Bruttoeinschulungsrate bei 57%. Beim Human Poverty Index lag Tansania mit einem Bevölkerungsanteil von 30% unterhalb einer komplexen nichtmonetären Armutsschwelle auf Rang 93 von 135 erfassten Staaten.


Die Wirtschaftsstruktur wird weiterhin vorrangig geprägt durch die Dominanz der Landwirtschaft, in der über zwei Drittel aller Arbeitskräfte tätig sind und die - bei nur langsam abnehmender Tendenz – etwa 45% zum BIP beiträgt. Die schnell wachsenden
Dienstleistungsbereiche tragen mehr als ein Drittel zum BIP bei, während industrielle Aktivitäten für knapp ein Fünftel verantwortlich sind (davon die verarbeitende Industrie etwa 8%). Die Landwirtschaft ist – trotz einer breiten Palette exportfähiger Produkte – überwiegend stark traditionell durch Subsistenzwirtschaft geprägt und ihr durchaus vorhandenes Produktivitätspotential wurde lange stark vernachlässigt. Tourismus, Handel und Finanzwirtschaft haben demgegenüber eine wesentlich größere Dynamik entwickelt.
Einen starken Zuwachs wiesen in den letzten Jahren der Bergbausektor (allerdings mit nur geringen Beschäftigungseffekten) und die Bauwirtschaft auf, während die verarbeitende Industrie nach dem Niedergang vieler früherer verlustbringender Staatsbetriebe und einer langen Stagnationsphase in jüngster Zeit in Verfolgung neuer Chancen wieder deutlich expandiert.

Seit etwa einem Jahrzehnt erhält Tansania in beachtlichem Umfang ausländische Direktinvestitionen, ganz überwiegend für die äußerst kapitalintensiven Aktivitäten großer globaler Bergbaukonzerne. Die Goldproduktion erreichte die 3. Stelle in Afrika (hinter Südafrika und Ghana). Die Weltbank bescheinigte der Wirtschaftspolitik wiederholt eine signifikante Verbesserung des Investitionsklimas, und im Global Competitiveness Report des Weltentwicklungsforums konnte sich Tansania 2009 auf Rang 100 (nach zuvor Rang 113) unter insgesamt 133 aufgeführten Ländern verbessern.


Insgesamt stellt sich bei Betrachtung der makroökonomischen Indikatoren die Bilanz des letzten Jahrzehnts als recht erfolgreich dar. Bis 2008 lagen die Wachstumsraten des BIP konstant bei 6-7%, damit allerdings immer noch an der Untergrenze dessen, was generell als notwendig für eine wirksame Reduzierung der Armut angesehen wird. Selbst durch die globale Wirtschaftskrise wurde Tansania mit einer Wachstumsrate von über 5% im Jahr 2009 nicht so hart getroffen wie anfangs befürchtet. Durch eine insgesamt restriktivvorsichtige Wirtschafts- und Fiskalpolitik konnten sowohl die Inflation auf relativ moderatem Niveau im Zaum gehalten und der Außenwert der Währung weitgehend stabil gehalten werden. Die hochdefizitäre Handelsbilanz (nur weniger als der Hälfte des ständig weiter wachsenden Importbedarfs stehen eigene Exporterlöse entgegen) konnte stets durch hohe Zuflüsse von Direktinvestitionen und Entwicklungshilfe ausgeglichen werden. Infolge seiner eigenen, positiv bewerteten Reformanstrengungen kam Tansania schon als einer der ersten afrikanischen Staaten früh in den Genuss großzügiger internationaler Schuldenerlassregelungen. Damit entspannte sich die noch in den 1990er Jahre drückende
Schuldenlast ganz erheblich und ermöglichte den Aufbau eines Polsters von ausreichenden Devisenreserven.


Die staatliche Haushaltspolitik orientierte sich pragmatisch an den verfügbaren Finanzressourcen und scheute vor einer übermäßigen Schuldenaufnahme des Staates zurück. Allerdings konnte die lange sehr niedrige Steuerquote nur sehr graduell auf zuletzt 16,7% des BIP (im Haushaltsjahr 2007-08) angehoben werden. Die meisten staatlichen Entwicklungsmaßnahmen, insbesondere neue Investitionen, konnten daher – und können auch weiterhin – nur durch außergewöhnlich hohe Zuflüsse internationaler Entwicklungshilfemittel durchgeführt werden. Noch im Haushaltsjahr 2007-08 wurden 42% aller Staatsausgaben aus externen Quellen finanziert; der seit Jahren anhaltende Trend einer graduellen Reduzierung dieser Quote soll jedoch konsequent fortgesetzt werden. Unzweifelhaft gilt aber noch immer, dass Tansania in besonders hohem Maße vom fortgesetzten Erhalt dieser Hilfe abhängt. Im Jahr 2007 belief sich die erhaltene Hilfe auf $ 69 pro Kopf der Bevölkerung, damit nahezu auf das Doppelte des subsaharischen Durchschnitts von $ 39. Als Vertrauensbeweis für die Zuverlässigkeit der Regierungspolitik wird schon seit längerem ein wachsender Anteil dieser Mittel in Form von sektorbezogener oder allgemeiner Budgethilfe vergeben und nicht mehr in der traditionellen Form der von den Geberinstitutionen selbst durchgeführten Projektmaßnahmen.


Aus Sicht der Geber, einschließlich multilateraler Institutionen wie IWF, Weltbank und EU, gilt Tansania als eines der erfolgreichsten Reformländer in Afrika und erhält daher auch weiterhin diese starke Unterstützung. Bei allem Lob für die makroökonomische Erfolgsbilanz der Regierung ist aber nicht zu übersehen, dass sich davon bisher nur recht wenig auf eine signifikante Verbesserung der Lebensverhältnisse des überwiegenden Teils der Bevölkerung übertragen hat. Nur eine kleine Elite und eine im Entstehen begriffene städtische Mittelschicht konnte die gebotenen Chancen nutzen und ihre Situation deutlich verbessern, während sich an der verbreiteten Armut und den schwierigen sozioökonomischen Bedingungen für die Mehrheit der Bevölkerung noch kaum etwas geändert hat.


Die nahezu fünf Jahrzehnte seit der Unabhängigkeit waren von mehreren grundlegend unterschiedlichen Perioden der jeweils verfolgten wirtschaftspolitischen Orientierung geprägt. Wurde in den ersten Jahren die gesamte Politik zunächst weitgehend in den von der Kolonialzeit vorgegebenen Strukturen fortgesetzt, so kam es 1967 zu einer entscheidenden Zäsur durch die Arusha-Deklaration, die einen scharfen Schwenk zu einer eigenständigen sozialistischen Orientierung (’Ujamaa’-Politik) einleitete, welche dann für rund zwei Jahrzehnte die oberste Maxime für den wirtschafts- und sozialpolitischen Kurs abgab. Kernelemente der Politik in dieser sozialistischen Phase waren die weitgehende Kontrolle aller wichtigen Wirtschaftsaktivitäten durch den Staat und das Konzept der ’Self-Reliance’, das das Vertrauen auf eigene Kräfte gegenüber den Weltmarktabhängigkeiten betonte. Trotz durchaus erheblicher externer Unterstützung blieb die Wirtschaftsentwicklung aber ausgesprochen unbefriedigend, und nach extremen Krisenjahren in der ersten Hälfte der 1980er Jahre erwiesen sich grundlegende Politikveränderungen als unvermeidbar. Ab 1986 wurden unter Präsident Mwinyi unter deutlichem Druck der internationalen Entwicklungshilfegeber – und bei aktiver Mitwirkung von IWF und Weltbank einschneidende Strukturanpassungsmaßnahmen eingeleitet, deren Umsetzung anfänglich nur zögerlich erfolgte und sich insgesamt über viele Jahre noch bis in die Amtszeit von Präsident Mkapa (1995-2005) hinzog. In einem ausgesprochen zähflüssigen Prozess kam es zur schrittweisen Liberalisierung aller Wirtschaftsbereiche, zur Privatisierung der vielen halbstaatlichen Betriebe und Institutionen, zum Zurückdrängen (aber keineswegs vollständigen Verschwinden) staatlicher Kontrollen und zum zuletzt immer rascheren Vordringen marktwirtschaftlicher Kräfte und Verhaltensweisen. Die meisten offiziellen Reminiszenzen an die lange bestimmende Ujamaa-Politik wurden erstaunlich problemlos aus dem öffentlichen Diskurs getilgt, obgleich die Regierungspartei CCM auch weiterhin die Notwendigkeit sozial ausgewogener Politikansätze zur Sicherstellung der politischen Stabilität des Landes betont. Die relativ konsequente Fortführung einer marktwirtschaftlichen Reformpolitik ohne Vernachlässigung der Erfordernisse zur weiteren Verbesserung der Sozialsektoren hat insgesamt dazu beigetragen, dass die gegenwärtige Regierungspolitik unverändert von internationalen Gebern als vergleichsweise erfolgreich angesehen und daher weiterhin in beträchtlichem Umfang unterstützt wird.

 

Hofmeier, Rolf/ Hirschler, Kurt: Tansania, In: Gieler, Wolfgang (Hg.) (2010) 'Afrika-Lexikon. Geographie, Geschichte, Kultur, Politik und Wirtschaft' (Frankfurt/Main, Peter Lang Verlag), S.455-473