3 | 2017

Zivilgesellschaft unter Druck

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Verfehlte Flüchtlingspolitik versus verfehlte Bildungspolitik

Erst zivilgesellschaftliches Engagement ermöglicht in vielen Gesellschaften, dass Missstände und Ungerechtigkeiten aufgedeckt und aktiv bekämpft werden. In Tansania geraten zivilgesellschaftliche Akteure seit Magufulis Amtsantritt zunehmend unter Druck. Aber auch in Deutschland stehen wir nach den erschreckenden Wahlerfolgen der rechtspopulistischen AfD vor der besonderen Herausforderung, dem Rechtsruck entgegenzutreten und klar Position zu beziehen. Deshalb beginnen wir diese HABARI-Ausgabe ausnahmsweise nicht mit einem Vorwort, sondern mit einer politischen Stellungnahme.

Wir sind schockiert, dass mit der AfD erstmalig eine Partei in den Bundestag gezogen ist, die zu einem nicht zu ignorierenden Teil aus bekennenden Rassist*innen und Verschwörungstheoretiker*innen besteht und in der es salonfähig ist, den Holocaust zu relativieren oder gar zu leugnen. Da ist es auch nicht verwunderlich, dass Björn Höcke für seine menschenverachtende Theorie über die „Reproduktionsstrategien der Afrikaner“ Beifall erntet und keinerlei ernsthafte Konsequenzen befürchten muss.

Jetzt ist überall zu hören und zu lesen: „Wir müssen die Ängste und Sorgen der AfD-Wählerinnen und -Wähler ernst nehmen“. Jede*r verdient es, dass ihre/seine Sorgen ernst genommen werden. Es wäre aber richtig und wichtig, ehrlich darüber zu reden und nicht in dumpfe, populistische und rassistische Parolen zu verfallen. Viele der Befürchtungen ließen sich vermutlich auflösen, gäbe es erst einmal die Chance für eine sachliche Debatte. Nach der Wahl stellt sich jedoch vor allem die Frage, wer in diesem Land wirklich Angst haben muss. Wohl eher diejenigen, gegen die sich die Aggressionen der Rechtspopulisten richten: Migrant*innen, People of Colour, Juden, LGBTIQ-People. Wie fühlt sich das für die hier lebenden Tansanier*innen an?

Als Hauptgrund für den AfD-Wahlerfolg prangern weite Kreise Merkels „verfehlte“ Flüchtlingspolitik an. Aber greift das nicht zu kurz? Denn die AfD verbuchte gerade dort den größten Zuwachs, wo nur sehr wenige geflüchtete Menschen leben. Für uns liegt eine der Ursachen in einer verfehlten Bildungspolitik. „Verfehlt“ heißt, dass etwas Grundlegendes fehlt: eine wirklich rassismus- und endlich kolonialismuskritische1 Bildung. Die Bilder in unseren Köpfen, etwa von schwarzen Menschen, aber auch von „Fremden“ im Allgemeinen sind geprägt von alten kolonial-rassistischen Vorstellungen, die sich seit jener Zeit in unserem Denken und Handeln fortsetzen. Im Extremfall gipfeln sie in Äußerungen wie denen von Herrn Höcke und in Brandanschlägen auf Unterkünfte, in denen geflüchtete Menschen Schutz suchen. Aber auch diejenigen unter uns, die sich vom afrikanischen Kontinent und seinen Menschen in besonderer Weise angezogen fühlen, sollten sich ehrlich fragen, woher die exotisierenden Vorstellungen kommen. Es ist gut und richtig, dass dem Nationalsozialismus eine spezielle Schlüsselrolle im Geschichtsunterricht zukommt. Es bedarf jedoch auch endlich der Aufarbeitung der Kolonialzeit mit ihren Verbrechen, die uns in grausamer Weise mit Tansania verbindet. Und wir müssen dafür sorgen, dass ein Zusammenhang hergestellt wird zum Rassismus in unseren Köpfen – der den meisten von uns nicht einmal bewusst ist. Solange dieser Anspruch bildungspolitisch nicht besteht und deshalb auch nicht umgesetzt wird, müssen wir als zivilgesellschaftliche Akteure, so auch als Tanzania-Network, Agenda Setting betreiben und immer wieder darauf aufmerksam machen.

Hinzu kommt, dass Bildung, wie so viele andere Bereiche in Deutschland, strukturell rassistisch ist: Fadimatu und Cemre haben sehr viel schlechtere Chancen als Ella und Jakob. Auch an den deutschen Unis zeigt sich selbst in kritisch ausgelegten Fächern wie Politik, besonders wenn es um Jobs geht, dass die Professur im Zweifelsfall doch wieder an einen weißen Mann vergeben wird, nicht aber an eine von Rassismus betroffene Person. Solange wir diesen strukturellen Rassismus und den in unseren Köpfen ignorieren und negieren, werden wir es nicht schaffen, ihn zu überwinden. Rassismus geht uns alle an und nimmt uns nicht aus! Jetzt mehr denn je!
Für die HABARI-Redaktion
Daniela Tschuschke